«Jede Kaufentscheidung ist ein Stimmzettel»
- 11. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Catherine Wälti leitet das Programm Fair Trade Town Deutschschweiz bei Swiss Fair Trade. Im Interview erklärt sie, warum fairer Handel heute wichtiger ist denn je, wie er das Leben von Millionen Menschen konkret verbessert – und warum Glarus Nord dabei eine ganz besondere Rolle spielt.

Catherine Wälti, was versteht man unter «Fair Trade» – und was unterscheidet ihn vom herkömmlichen Handel?
Fairer Handel ist eine Partnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht. Ziel ist es, den Welthandel gerechter zu gestalten, indem benachteiligten Produzierenden bessere Arbeits- und Lebensbedingungen ermöglicht werden. Der grosse Unterschied zum herkömmlichen Handel: Mensch und Umwelt stehen vor dem Profit. Menschen weltweit können durch ihre Arbeit ein Einkommen erzielen, das ihren Familien eine menschenwürdige Existenz und eine echte Chance auf eine bessere Zukunft sichert.
Warum ist Fair Trade heute wichtiger denn je?
Die globale Wirtschaft steht durch Krisen, den Klimawandel und unsichere Lieferketten unter Druck. Am härtesten trifft das Kleinbäuerinnen und Produzenten im Globalen Süden, die unsere Alltagsprodukte anbauen. Der Faire Handel zeigt, dass es anders geht: Er setzt auf langfristige Beziehungen, faire Löhne sowie Umwelt- und Klimaschutz. Gerade jetzt, wo soziale und ökologische Standards politisch oft unter Druck geraten, braucht es diese praxiserprobte Antwort auf die grossen Krisen unserer Zeit.
Es gibt immer wieder Kritik am Begriff «fair». Wie begegnen Sie solchen Stimmen?
Diese Kritik ist berechtigt. Im Gegensatz zu «Bio» ist «fair» rechtlich nicht geschützt, was zu Verwirrung führt. Um echten Fairen Handel zu erkennen, gibt es zwei verlässliche Wegweiser: etablierte Siegel wie das von Fairtrade Max Havelaar, die streng kontrollierte Standards garantieren, sowie Unternehmen, die zu 100 % im Fairen Handel tätig sind, wie claro fair trade oder gebana. Sie kaufen direkt bei Kleinbauern ein und sorgen dafür, dass möglichst viel Wertschöpfung im Herkunftsland bleibt.
Welche konkrete Wirkung hat Fair Trade für Produzentinnen und Produzenten?
Weltweit profitieren rund 2,6 Millionen Kleinbauernfamilien direkt. Durch garantierte Mindestpreise und Prämien erhalten sie ein stabileres Einkommen. Das Besondere: Die Kooperativen entscheiden selbst, wie sie die Prämien investieren – das Geld fliesst direkt in die Entwicklung vor Ort, etwa in Schulen, Gesundheitsversorgung oder sauberes Trinkwasser. Gleichzeitig werden die Rechte von Frauen und benachteiligten Gruppen gezielt gestärkt.
Wo begegnet uns Fair Trade im Alltag?
Schon beim «Zmorge» konsumieren wir Produkte aus aller Welt. Ob Kaffee, Tee, Bananen oder Schokomüsli – viele dieser Dinge werden unter Bedingungen produziert, die wir in der Schweiz niemals akzeptieren würden. Genau hier setzt unsere Kampagne «Faires Frühstück» an. Jede zweite in der Schweiz verkaufte Banane stammt bereits aus Fairem Handel – beim Kaffee oder der Schokolade sind es leider erst rund zwei von zehn Packungen. Es gibt also noch viel zu tun.
Was kann jede und jeder Einzelne beitragen?
Jede Kaufentscheidung ist ein Stimmzettel für die Welt, in der wir leben wollen. Im Alltag helfen drei einfache Schritte: informieren – woher kommt ein Produkt, wer verdient daran? Bewusst konsumieren – Produkte unterstützen, die Menschenrechte und Umwelt achten. Und Verantwortung tragen: Mit unserem Einkaufskorb stärken wir direkt die Menschen hinter dem Produkt.
Welche Rolle spielen Gemeinden im Fairen Handel?
Gemeinden haben eine enorme Vorbildfunktion. Sie entscheiden täglich, welche Produkte für Verwaltung, Schulen oder Anlässe eingekauft werden. Das Programm Fair Trade Town vernetzt die Verwaltung mit lokalem Gewerbe, Restaurants, Schulen und Vereinen. Globaler Wandel beginnt vor der eigenen Haustür – engagiert sich eine Gemeinde wie Glarus Nord, holt sie das Thema Weltgerechtigkeit mitten in den Alltag der Bevölkerung.
Was macht eine erfolgreiche Fair Trade Town aus?
Die Auszeichnung ist kein Zielstreifen, sondern der Startschuss. Eine erfolgreiche Fair Trade Town lebt von einer aktiven Arbeitsgruppe und kreativen Aktionen im Alltag. Das wichtigste Erfolgsrezept ist das Gemeinschaftsgefühl – wie der damalige Gemeindepräsident Martin Laupper 2017 treffend sagte: «Es geht nicht einfach darum, welche Kaffeesorte wir trinken.» Fair Trade verändere die Kultur und das Miteinander in der Gemeinde.
Glarus Nord war 2016 die erste Fair Trade Town der Schweiz. Wie hat sich das Programm seither entwickelt?
Glarus Nord übernahm damals eine echte Pionierrolle. Seither beteiligen sich zahlreiche Gemeinden und Grossstädte wie Basel und Genf. Das «Zukunftsforum Kerenzerberg» zur nachhaltigen Textilproduktion ist heute ein Branchen-Treffpunkt, und 2023 fand in Glarus Nord die internationale Fair-Trade-Town-Konferenz mit Gästen aus über 25 Ländern statt – ein Beleg dafür, wie weit die Ausstrahlungskraft dieser Pionierregion reicht.
Welche Rolle spielt Bildung im Fair Trade Kontext?
Bildung spielt eine Doppelrolle: Im Globalen Süden fliessen Prämien oft in den Schulbau. Hierzulande lernen Jugendliche, woher unsere Produkte kommen und dass ihr Handeln Wirkung hat. Dass die erste Fair Trade School der Schweiz an der Schule Linth-Escher in Glarus Nord entstand, war auch für mich als Projektleiterin ein Highlight. Die Jugendlichen erleben Fairness im Schulalltag und tragen dieses Bewusstsein als Botschafterinnen und Botschafter direkt in ihre Familien und die Gemeinde.
Welche Trends sehen Sie aktuell im Fairen Handel?
Trotz wirtschaftlicher Krisen wächst der Faire Handel stabil. Faire Lieferketten erweisen sich für Unternehmen als besonders krisenfest. Immer mehr Menschen achten auf soziale und ökologische Kriterien, neue EU-Regulierungen verpflichten Unternehmen zu Transparenz. Inhaltlich stehen existenzsichernde Einkommen und Klimaschutz im Fokus – und der Faire Handel erfasst zunehmend komplexere Bereiche wie Textilien oder Smartphones.
Was wünschen Sie sich für den Umgang mit Konsum?
Ich wünsche mir einen bewussteren Konsum. Hinter Produkten wie Kaffee, Kakao oder T-Shirts stehen echte Menschen mit Familien und Hoffnungen – unser Einkauf hat direkten Einfluss auf ihr Leben. Und für die Zukunft wäre es genial, wenn der Pioniergeist von Glarus Nord auf den restlichen Kanton abfärbt: Da Glarus nur drei Gemeinden zählt, könnten wir gemeinsam den ersten Fair-Trade-Kanton der Schweiz schaffen.

