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Für den Ernstfall: Reportage einer Feuerwehrübung

22. Sept.
4 Min. Lesezeit

Der Rauch beisst in den Augen, das Funkgerät knistert. Irgendwo in der Werkstatt tastet sich ein Trupp durch die Dunkelheit, auf der Suche nach einer Person, die es heute nicht gibt – aber morgen geben könnte. Ein Übungsabend der Kompanie Nieder-/Oberurnen/Bilten, mittendrin zwei Männer, die seit über 15 Jahren gemeinsam Verantwortung tragen und bald einen Teil davon loslassen.


Die sehr intensiven Zeitaufwände am Anfang waren nicht immer einfach. Mit den neuen Strukturen und den Anpassungen ab dem Jahr 2016 von vier auf drei Kompanien kamen wir langsam an unsere Leistungsgrenzen», erinnert sich Markus Pfeiffer, Vizekommandant der Kompanie Nieder-/Oberurnen/Bilten, während er vom Depot in Nieder­urnen auf die Hauptstrasse einbiegt. Pfeiffer spricht über die intensive Zeit nach der Gemeindestrukturreform 2011, als die Feuerwehren in Glarus Nord zu einer einzigen zusammengelegt und ein paar Jahre darauf die Kompanie Bilten in die Kompanie Nieder-/Oberurnen integriert wurde. Kommandant Romano Schleucher und er übernahmen damals die Führung in Niederurnen – jeder allein hätte es sich nicht vorstellen können, aber gemeinsam, dachten sie, könnte es klappen. Und das hat es: Heute zählt ihre Kompanie 74 Mitglieder, und in den letzten 15 Jahren blicken sie auf zahlreiche erfolgreich bewältigte Einsätze zurück.


Romano Schleucher und Markus Pfeiffer
Romano Schleucher und Markus Pfeiffer

Der Hitze zum Trotz


Wie jeden Übungsabend besuchen die beiden die verschiedenen Übungsplätze vom Zug Tanklöschfahrzeug, vom Zug Atemschutz und vom Zug Retten und Löschen. Gemäss der Weisung Aus- und Weiterbildung der glarnerSach sind für die Dienstpflichterfüllung mindestens acht Schulübungen für die Mannschaft durchzuführen, für Kaderangehörige wie Gruppenführer und Offiziere zusätz­lich mindestens vier Kaderübungen pro Jahr. Trainiert wird zunächst die eigene Spezialaufgabe, danach auch die der anderen Züge – damit alle das Verständnis für den gesamten Ablauf und vernetztes Denken im Ernstfall mit­brin­gen. Ausnahmsweise nicht in voller Brandschutzkleidung, wie Schleucher erklärt: «Bei der andauernden Hitze­welle halte ich es für angemessen, dass sie die dicke Schutzkleidung heute nicht tragen müssen und die Übungen in der Arbeitsbekleidung mit Feuerwehrstiefeln, Helm und Handschuhen absolvieren. Es macht keinen Sinn, wenn unsere Leute in dieser Hitze bei den Übungen fast kollabieren.» Er betont aber, dass das eine Ausnahme ist – normalerweise gehört es dazu, die Bedingungen des Ernstfalls eins zu eins zu simulieren, inklusive kompletter Ausrüstung. Um die Einsatzfähigkeit sicherzustellen, haben zuvor definierte Angehörige der Feuer­- wehr trotzdem die ganze Ausrüstung im Fahrzeug dabei.



Zwei Wege in dieselbe Uniform


Schleucher und Pfeiffer kennen sich aus der Schulzeit und durchliefen mehrere Stationen parallel, unter anderem auch das Militär. Pfeiffer wurde die Feuerwehr praktisch in die Wiege gelegt – sein Vater war bereits Offizier in der Feuerwehr Bilten. Schleucher dagegen musste erst überredet werden: «Meine Arbeitskollegen hatten mehrmals versucht, mich an eine Übung der Feuerwehr zu kriegen. An einem Abend vor 26 Jahren haben sie es schliesslich geschafft, und ich war direkt begeistert.» Ihn motiviert bis heute der Zusammenhalt, die Koordination und Organisation – und, wie er selbst sagt, besitzt auch er ein gewisses Mass an «Helfersyndrom», das wohl alle in der Feuerwehr eint.


Schleucher ist sichtlich stolz, wenn er davon spricht. Visionen hat er für «seine» Feuerwehr noch einige. «Manchmal nerve ich die Leute nach eigenen Ausbildungen vielleicht auch mit meinen neuen Ideen», sagt er, während Pfeiffer daneben schmunzelt und nickt, «aber es macht einfach Freude, wenn ich sehe, dass ich den Kompanien damit wirklich helfen kann und wir damit Erfolgserlebnisse haben.» Besonders stolz ist Schleucher auch darauf, dass inzwischen alle Feuerwehrkompanien sehr gut zusammenarbeiten. «Mein Feuer, dein Feuer gibt es nicht mehr. Wir sind alle die Feuerwehr Glarus Nord. Auch kantonal wird mittlerweile ohne Gemeindegrenzen jederzeit zusammengearbeitet.»



Unterstützung vom Gewerbe «Verstanden, Rückzug!», tönt es aus dem Funkgerät, das einer der Offiziere in der Hand hält. Kurz darauf bahnen sich vier Angehörige der Feuerwehr einen Weg durch den Rauch, hinaus aus dem Übungsgebäude – einer kleinen Werkstatt in Niederurnen nahe dem Bahnhof. Ziel war es, im dichten Rauch einen Raum zu durchsuchen und eine Übungspuppe zu bergen. Die Atemschutzgeräteträger aus dem Zug Tanklöschfahrzeug haben das erfolgreich gemeistert. An der Nachbesprech­ung vor dem Gebäude rekapituliert ihr Lektionsgeber nochmals die Details des Einsatzes und betont, dass man per Funk keine pauschalen Durchsagen machen dürfe – etwa, dass jemand tot sei. Das lasse sich in dem Moment nie sicher sagen, und da bei solchen Einsätzen oft Un­beteiligte und Medienschaffende in der Nähe sein könnten, würden sich so schnell Gerüchte verbreiten.


Die Übung ist beendet, jetzt wird aufgeräumt und gelüftet – die Werkstatt ist morgen schliesslich wieder in Betrieb. Das gilt auch für die anderen Übungsräume, die alle vom hiesigen Gewerbe zur


Verfügung gestellt werden. «Dafür sind wir sehr dankbar», betont Romano Schleucher. Es sei nicht selbstverständlich, dass so viele Unternehmen die Feuerwehr unterstützten, daher freue es ihn umso mehr, dass sie bei jeder Übung aufs Neue willkommen seien. Vielen Dank allen, welche die Feuerwehr bei ihren Übungen auf irgendeine Art unterstützen.


Nach der Übung ist vor dem Einsatz


Nach rund zwei Stunden sind alle Übungen beendet, und die Feuerwehrleute kehren nach und nach ins Depot Niederurnen zurück. Dort wartet ein Debriefing auf die Offiziere durch den Kommandanten – und ein kühles Getränk auf die übrigen Mitglieder. Einige von ihnen amten zusätzlich als Materialwart und sorgen dafür, dass die komplette Ausrüstung wieder ein­satzfähig und am korrekten Ort versorgt ist: Sauerstoffflaschen werden gefüllt, Masken gereinigt, Schläuche sorgfältig zusammengerollt. Denn die Feuerwehr muss stets einsatzbereit sein.



«Nächstes Jahr übernimmt Thomas Huber die Kompanie Nieder-/Oberurnen/Bilten», sagt Schleucher in optimistischem Ton. «Fünf Jahre lang haben wir ihn darauf vorbereitet.» Schleucher ist inzwischen 50 Jahre alt und hat damit das Dienstpflicht­alter für Angehörige der Feuerwehr erreicht. Als Leiter der Gemeinde­feuerwehr amtet er weiterhin mit einem Pensum von 20 Prozent, den Posten als Kompaniekommandant gibt er jedoch ab. Für Markus Pfeiffer wird es in zwei Jahren ebenfalls so weit sein. Bis dahin werden die beiden gemeinsam wohl noch den einen oder anderen Brand löschen – sei es in echt oder zumindest in Sachen Verwaltung der Feuerwehr Glarus Nord.

 
 
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